Gratulation an die Holocaust-Überlebende Renate Aris zum 90. Geburtstag

Glückwunsch an Renate Aris zum 90. Geburtstag

Chemnitz, 25. August 2025. Eine der letzten Holocaust-Überlebenden in Sachsen feierte am 25. August 2025 ihren 90. Geburtstag. Um Renate Aris zu gratulieren, kamen am Montag rund 100 Menschen in die Räume der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, unter anderem der Präsident des Sächsischen Landtags, Alexander Dierks, der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze und die Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, Ekaterina Kulakova. 

Zu den Gratulanten gehörten neben Gemeindevorstand und -mitgliedern, Familie sowie Freunden unter anderem auch Vertreter der Jüdischen Kulturtage Chemnitz und des Vereins Ukrainisches Haus. Der neue Gemeinderabbiner Michael Jedwabny sang das Lied „Yeruschalaim schel-zahav“, der Gemeindechor intonierte „Le-Dor va-Dor“ und „Osseh Schalom“.

Als Höhepunkt trug sich Renate Aris in das Goldene Buch der Stadt Chemnitz ein – ihr Name war darin bereits seit einigen Jahren enthalten. Nun bekam sie eine eigene Seite. 

Grußworte aus Chemnitz und Kirjat Bialik

Die Vorsitzende der Gemeinde, Ruth Röcher, sagte: „Wer sich mit der Geschichte der jüdischen Gemeinden in der DDR und in Sachsen beschäftigt, stößt unweigerlich auf den Namen Aris. Ein kurzer Name mit langer Geschichte und großer Bedeutung. Das Einbringen in das jüdische Leben wurde Renate Aris in die Wiege gelegt. Davon profitiert seit 50 Jahren die Jüdische Gemeinde Chemnitz. Sie hat mehrere ehrenamtliche Aufgaben übernommen und war immer bereit, im Namen der Gemeinde, für die Gemeinde, für das Judentum und für Israel aufzustehen und ihre Treue und Liebe kundzutun. Renate Aris tritt trotz ihrer zarten und kleinen Erscheinung laut und stark vor. Sie hat zu allem eine Meinung, die sie gerne mitteilt.“ Renate Aris sei das bekannteste Mitglied der Gemeinde, über sie wurde sogar in japanischen Medien berichtet. Ruth Röchers Geburtstagswunsch an Renate Aris: „Mach weiter so! Mit viel Freude und Gesundheit bereichere unser Leben. Mazal tov, bis 120!“

Der Chemnitzer Gemeinderabbiner Michael Jedwabny sagte: „Ihre Arbeit und Ihr Engagement sind ein Band, das Generationen miteinander verbindet, das Erinnerungen bewahrt und Werte weiterträgt. Sie haben nicht nur die Vergangenheit gehütet, sondern auch an der Zukunft gebaut. Es gibt ein Sprichwort im Judentum: Wer ein einziges Leben rettet, rettet eine ganze Welt. Aber es gibt auch Menschen, die allein durch ihr Beispiel, durch ihre Ausstrahlung und ihre Taten Hunderte inspirieren. Menschen, die Gemeinschaften zusammenhalten und stärken. Renate Aris ist einer dieser Menschen.“

Der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze sagte in seiner Geburtstagsansprache: „Ihre Stimme ist ein Schatz, ein Vermächtnis und eine Mahnung. Wir ehren heute auch die Verantwortung, die Renate Aris an uns übergibt.“

Eli Dukorsky, Bürgermeister der Chemnitzer Partnerstadt Kirjat Bialik im Norden Israels, schickte eine Video-Botschaft an Renate Aris. Darin heißt es unter anderem: „Du gehörst zu einer Generation starker Menschen, die alles gesehen haben und die sich aus der Schwierigkeit erhoben und ein neues Leben aufgebaut haben. Deine menschliche Wärme ist ein Segen für alle. Ich bin froh, das Privileg zu haben, eine Frau wie dich zu kennen.“

Jubilarin bittet um Spenden für gute Zwecke in Israel

Die Jubilarin wünscht sich statt Sachgeschenken eine Spende für den Jüdischen Nationalfonds (Keren Kayemeth le-Jisrael), mit deren Hilfe Bäume in den Bergen bei Jerusalem gepflanzt werden. Auch Spenden für das Museum der Chemnitzer Partnerstadt Kirjat Bialik, den Beit Katz, sind willkommen. Für Spenden kann das Konto der Jüdischen Gemeinde Chemnitz (IBAN DE378709 621 4 0300 002013) genutzt werden. Bitte als Verwendungszweck „Renate Aris für Jerusalem und Kirjat Bialik“ angeben. Spendenbescheinigungen sind möglich.

20 Familienangehörige in der Schoa ermordet

Renate Aris kam 1935 in Dresden als Tochter von Susanne und Helmut Aris und als Schwester von Heinz-Joachim Aris zur Welt. Als Kind erlebte sie die Ausgrenzung und Entrechtung von Juden in Sachsen. Am 16. Februar 1945 sollte sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder in ein Konzentrationslager deportiert werden. Die alliierten Luftangriffe auf Dresden retteten der Familie das Leben, ermöglichten ihr die Flucht vor dem sicheren Tod. Renate Aris ist eine der sehr wenigen, die als Kind den Holocaust überlebt haben. 20 Familienangehörige wurden in der Schoa ermordet.

„Wir sind zur Gemeindearbeit erzogen worden“

Nach Kriegsende blieb die Familie Aris in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR. Sowohl Heinz-Joachim Aris als auch Renate Aris engagierten sich jahrzehntelang mit Hingabe für die jüdische Gemeinschaft. Renate Aris war von 1988 bis 2003 stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, außerdem jahrelang Präsidiumsmitglied des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. „Wir sind zur Gemeindearbeit erzogen worden“, sagt sie. Ihr Leitsatz lautet: „Nicht warten, bis andere etwas machen, sondern selbst mittun.“

Gründerin des ersten Jüdischen Frauenvereins

1999 gründete sie den Jüdischen Frauenverein, den ersten in den neuen Bundesländern. „Mir ging es darum, jüdische Bildung und jüdisches Wissen zu vermitteln – auf eine vergnügliche Art und Weise“, sagt sie. Mit der Zuwanderung aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion war der Bedarf daran in der Gemeinde sprunghaft gewachsen. Zu den Themen gehörten unter anderem die  Geschichte der Juden in Sachsen, die koschere Küche oder die Staatsgründung von Israel. 1875 hatte sich der erste Jüdische Frauenverein in Chemnitz gegründet, er bestand bis zur Auflösung durch die Nazis 1939. 

Vor mehr als 600 Schulklassen Zeugnis abgelegt

Renate Aris ist eine gefragte Zeitzeugin. Bis heute stand sie vor mehr als 600 Schulklassen und berichtete vor Menschen aus allen Bevölkerungskreisen über den Nationalsozialismus und die Vernichtung jüdischen Lebens in Nazi-Deutschland. Trotz ihres Alters ist sie dieser Aufgabe treu geblieben. Erst vor wenigen Wochen hielt sie an der TU Dresden im Rahmen der Jüdischen Campuswoche Mitteldeutschland einen Vortrag, ebenso vor einem vollen Saal in der Alten Börse Leipzig. Das große Interesse erfüllt sie mit Freude und die Treffen mit jungen Leuten halten sie in Bewegung, wie sie sagt. „Wichtig ist, dass dieses Zeugnis von ihnen weitergegeben wird.“ Aktuell setzt sie sich für den Wiederaufbau des Alten Leipziger Bahnhofs in Dresden als Erinnerungs-, Begegnungs- und Lernort ein. Von dort starteten in der Nazi-Zeit Deportationszüge in die Gettos und Vernichtungslager. 

Trägerin des Sächsischen Verdienstordens

2016 wurde Renate Aris mit dem Sächsischen Verdienstorden ausgezeichnet, unter anderem für ihre Beteiligung am Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde Chemnitz nach der Friedlichen Revolution. Außerdem wurde ihr Engagement für die Bildungsarbeit gewürdigt. 2022 erhielt sie den Ehrenpreis des Chemnitzer Friedenspreises für ihre Lebensleistung.