Wann ist Kritik an Israel antisemitisch Vortrag

Die rote Linie – wenn Kritik an Israel zu Antisemitismus wird

Dresden, 27. August 2025. An jedem Tag des Kriegs gegen die Terror-Organisation Hamas wird Israel und die Regierung des Landes kritisiert (ganz anders als die Hamas). Wo aber liegt die Grenze zwischen möglicher Kritik und Antisemitismus? Nina Fridman vom Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden hielt folgenden Vortrag am 25. August 2025 im Rahmen des Israel-Sonntags in der Dresdner Kreuzkirche, organisiert von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V.. Hier der komplette Vortrag, aus dem unter Angabe der Quelle zitiert werden darf.

Alle Zeitungen beschäftigen sich mit dem Krieg gegen die Terrororganisation Hamas. Die Berichterstattung ist aber unterschiedlich (Illustration).

Ich beginne mit einer Geschichte. Eine Schlagzeile kann die Welt entzünden.

Am 17. Oktober 2023, nur zehn Tage nach den Hamas-Angriffen, meldete die New York Times: „Israelischer Angriff tötet Hunderte in Krankenhaus, sagen palästinensische Behörden.“ Die BBC titelte ähnlich: „Hunderte bei israelischem Angriff auf Krankenhaus im Gazastreifen getötet.“ Genannt wurde die Zahl 500, direkt von den Hamas-Behörden.

Binnen Stunden war das Narrativ überall. Millionen sahen es auf dem Handy. Sprechchöre übernahmen es. Die Straße reagierte, bevor Fakten vorlagen. 

In Amman stürmten Menschenmengen auf die israelische Botschaft zu. In Istanbul und Beirut kam es zu Zusammenstößen. In Tunis brannten Flaggen, während Demonstranten Israel des „Völkermords“ beschuldigten. Am nächsten Tag versammelten sich Hunderte in London. In Berlin wurden die Proteste gewalttätig – 65 Polizisten wurden verletzt. Und in den frühen Morgenstunden flogen zwei Molotowcocktails auf eine Berliner Synagoge.

Tage später kam die Wahrheit ans Licht. Mehrere forensische Analysen zeigten: Eine fehlgeleitete Rakete, abgefeuert vom Islamischen Dschihad aus dem Gazastreifen selbst, war auf dem Krankenhausparkplatz explodiert.

Die erste Geschichte war falsch. Die Korrektur kam leise – der Schaden war längst da.

Geschriene Anklage, geflüsterte Korrektur: Das Muster der Verzerrung

Das ist kein Einzelfall. Am 25. Juli dieses Jahres brachte die New York Times eine Titelgeschichte über Hungersnot. Im Zentrum: das Foto eines schwer unterernährten Jungen aus dem Gazastreifen. Die Bildsprache erinnerte bewusst an Opfer der NS-Konzentrations- und Vernichtungslager. Gepaart mit Kommentaren über „Völkermord“ war die Botschaft klar: Dies war nicht nur ein tragischer Krieg; dies war ein einzigartig böser jüdischer Staat.

Tage später folgte eine Anmerkung: Das Kind hatte erhebliche Vorerkrankungen – ein entscheidender Kontext, der fehlte. 

Wo erschien dieses Update? Nicht auf dem Haupt-X-Account der New York Times mit 55 Millionen Followern, sondern auf einem Neben-X-Account mit 88 Tausend. 

55 Millionen gegen 88 Tausend! Die Anklage wurde geschrien. Die Korrektur wurde geflüstert.

Die Zahl als Waffe: Wie Behauptungen zu „Fakten“ werden

Die Voreingenommenheit steckt auch in den täglichen Zahlen. Gemeint sind die Opferzahlen aus Gaza.

Es beginnt mit einer Gesamtzahl der Hamas-Behörden – dem Apparat, der beim Krankenhausfall gelogen hat. Diese Zahl trennt nicht zwischen Zivilisten und Hamas-Terroristen. Dann setzt die Verstärkung ein. Medien wiederholen die Zahl. Die UN zitiert die Medien. Politiker zitieren die UN. Der Ursprung bei der Hamas verschwindet. Aus einer Behauptung wird scheinbare Tatsache.

Währenddessen wird der Kontext ausgelöscht – keine Erinnerung daran, wie die Hamas kämpft, aus Schulen und Krankenhäusern heraus, oder warum dieser Krieg am 7. Oktober begann, mit Geiseln, die immer noch in ihren Tunneln festgehalten werden.

Wenn die Öffentlichkeit eine große Zahl ohne Aufschlüsselung hört, stellt sie sich verständlicherweise nur zivile Opfer vor. Israel wird als alleiniger Aggressor dargestellt. 

Das ist nicht ein Ausrutscher. Das ist die Erschaffung eines systematischen, irreführenden Narrativs.

Klartext: Was keine legitime Kritik ist

Wo überschreitet Kritik die Grenze zum Antisemitismus? Lassen Sie es mich klar sagen: Kritik an der israelischen Politik ist legitim. Aber es gibt eine Grenze, die durch drei Dinge definiert wird: Dämonisierung, Delegitimierung und doppelte Standards.

Das Foto des hungernden Kindes, aufgeladen mit Holocaust-Bildern, ist Dämonisierung. Die unkritische Nutzung von Hamas-Quellen für Krankenhaus und Opferzahlen ist ein doppelter Standard. Stellen Sie sich vor, große Medien würden russischen Angaben zum Ukraine-Krieg sofort trauen. Ihre Alarmglocken würden läuten. Bei Israel aber gilt plötzlich: Hamas-Quellen sind zuverlässig. Das ist die neue, schockierende Normalität.

Reden wir Klartext:

Es ist keine legitime Kritik, von Israel „sofortigen Kriegsstopp“ zu fordern und die Ursachen auszublenden. Erstens: Die Hamas hält noch Geiseln – erst Freilassung, dann Waffenstillstand. Zweitens: Die Hamas regiert noch Gaza – wie die Nazis 1945 nicht in Deutschland bleiben konnten, kann die Hamas 2025 nicht in Gaza bleiben.

Es ist keine legitime Kritik, Israel für einen Krankenhaus-Angriff zu verurteilen und die Hamas-Tunnel darunter zu verschweigen.

Es ist keine legitime Kritik, einen Schlag nahe einer UN-Einrichtung zu verurteilen und das Hamas-Kommandozentrum darunter zu ignorieren, das Strom aus dem UN-Netz bezog.

Es ist keine legitime Kritik, Israel für getötete Journalisten verantwortlich zu machen und zu vergessen, dass ein Teil dieser Hamas-Operative waren – oder sogar Geiselnehmer.

Es ist keine legitime Kritik, Israel für „Hungersnot“ verantwortlich zu machen und die bewusste Instrumentalisierung von Nahrungsmitteln durch die Hamas zu übergehen.

Diese „Kritik“ löscht die Hamas aus dem Bild und macht Israel zum Monster.  Das ist keine Kritik. Das ist Antisemitismus im modernen Gewand.

Drei Regeln gegen die Manipulation

Was können wir als Bürger tun? Drei einfache Gewohnheiten helfen.

Erstens: Zeit nehmen. Bei explosiven Behauptungen: 24 Stunden warten – nicht sofort eine Meinung posten, Emotionen zurückstellen.

Zweitens: Nicht sofort trauen – auch nicht den Mainstream-Medien. Prüfen Sie mehrere, voneinander unabhängige Quellen.

Drittens: Gleiche Lautstärke. Wer die erste Geschichte geteilt hat, muss die Korrektur mit derselben Energie teilen.

Wenn der Fehler herausgeschrien wurde, muss auch die Richtigstellung herausgeschrien werden.

Quellen zu diesem Vortrag:

1 https://web.archive.org/web/20231017181014/https:/www.nytimes.com/

2 https://web.archive.org/web/20231017182939/https:/www.nytimes.com/ 

3 https://web.archive.org/web/20231017181111/https:/www.bbc.com/news/ 

4 https://www.deutschlandfunk.de/mehr-als-60-polizisten-verletzt-reul-cdu-spricht-von-irrer-lage-100.html 

5 https://www.tagesspiegel.de/berlin/molotowcocktails-auf-berliner-synagoge-geworfen-innensenatorin-spranger-sieht-angriff-auf-grundfeste-unseres-miteinanders-10642945.html 

6 https://web.archive.org/web/20250123115920/https:/www.nytimes.com/2023/10/23/pageoneplus/editors-note-gaza-hospital-coverage.html 

7 https://static01.nyt.com/images/2025/07/25/nytfrontpage/scan.pdf 

8 https://honestreporting.com/another-photo-another-lie/ 

9 https://x.com/NYTimesPR/status/1953573569230999734 

10 https://x.com/nytimes 

11 https://nypost.com/2025/05/19/world-news/israel-likely-killed-hamas-leader-mohammed-sinwar-in-gaza-offensive/ 

12 https://nypost.com/2024/02/11/news/israel-uncovers-tunnels-beneath-unrwas-headquarters-in-gaza/ 

13 https://aish.com/the-journalist-who-was-a-hamas-terrorist/